Spannende Fragen wie „Wie sieht die Zukunft des Lernens aus?“ und „Welche Rolle spielen Ort und Raum für dieses Lernen?“, verlangen einen Blick über den aktuellen Tafelrand hinaus. Genau diesen Perspektivwechsel initiiert und gestaltet die Stabstelle „Zukunft des Lernens“ am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) unter der Leitung von Stephanie Wössner. Im aktuellen Projekt steht das zukunftsorientierte Lernen in Verbindung mit Raumgestaltung im Fokus. Um für diesen Themenkomplex eine belastbare Grundlage zu schaffen, gibt die Stabstelle eine Studie bei Future:Project in Auftrag. Sie liefert fundierte Einblicke in die Gestaltungsprinzipien für die Zukunft des Lernens und macht deutlich, welche Rahmenbedingungen es braucht, damit neue Lernformen in der Praxis funktionieren.
Mit den Ergebnissen aus der Studie kommt Stephanie Wössner zu uns und wir starten durch. Aus den Ideen soll am Standort Stuttgart des Landesmedienzentrums ein inspirierender Raum entstehen, der viel mehr ist als vier Wände. Auf 130 qm wird er neue Impulse setzen und zeigen, wie zukunftsorientiertes Lernen aussehen kann. Unsere Aufgabe: die Expertise der Stabsstelle und die Erkenntnisse aus der Studie in Raumdesign und individuellen Innenausbau zu übersetzen und im Anschluss mit unseren eigenen Handwerkern Realität werden zu lassen. Gesagt, getan: Willkommen im Modellraum für zukunftsorientiertes Lernen.
Funktionale Klassenzimmer, laute Flure, Unterricht im festen Takt – bei vielen entsteht sofort ein klares Bild von Schule.
Zukunftsorientiertes Lernen sieht anders aus: Es versteht Lernen als aktiven Gestaltungsprozess – individuell wie gesellschaftlich. Es ist flexibler, vielfältiger und konsequent auf Selbstbestimmung, Verantwortung, Teilhabe und Mitgestaltung ausgerichtet. Damit das gelingen kann, braucht es Räume, die diese Haltung ermöglichen: Orte für konzentriertes Arbeiten ebenso wie für Austausch, Experimentieren, Rückzug und gemeinsames Denken.
Der Modellraum bietet Einblicke, wie dies innerhalb von vier Wänden aussehen kann, aber im Rahmen seines pädagogischen Konzepts deutet er auch an, dass es bewusst nicht nur um Räume im klassischen Sinn von vier Wänden gehen darf. Lernen wird als Teil des städtischen, gesellschaftlichen und kulturellen Gefüges verstanden.
Bildungsprozesse sind eingebettet in reale Kontexte, Begegnungen und Zukunftsfragen – in der Stadt, in öffentlichen Räumen, in hybriden und digitalen Umgebungen. Damit ist der Modellraum nur einer von vielen, an denen zukunftsorientiertes Lernen stattfinden und Zukunft entstehen kann.
Raumgestaltung wird so zum aktiven Bestandteil der Lernkultur. Sie prägt, wie Menschen lernen, arbeiten, Verantwortung übernehmen und miteinander Zukunft gestalten.
Bevor wir in die konkrete Planung einsteigen, nimmt unser Projektteam an einem zweitägigen Design-Thinking-Workshop teil. Organisiert von Future:Project und der Stabsstelle „Zukunft des Lernens“ und unterstützt vom Kreismedienzentrum Ravensburg, bringt er Lernende von 6 bis 66, Lernbegleitende, Schulleitungen, Schulträger sowie Experten und Expertinnen für Design- und Bildung an einen Tisch. Gemeinsam wird diskutiert: Was braucht es für gutes Lernen und wie kann Raumgestaltung dazu beitragen, dass es gelingen kann?
Unser Konzept übersetzt die Erkenntnisse aus dem Design-Thinking-Prozess in eine klare räumliche Leitidee. Struktur und Flexibilität treffen auf eine Atmosphäre, die Konzentration ermöglicht und gleichzeitig zu Austausch und Lernen einlädt.
Gestalterisch entsteht diese Lernumgebung durch ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Farbe, Material und Licht. Ein helles, freundliches Salbeigrün schafft Ruhe und Zusammenhalt, der Kontrastton Pflaume setzt Akzente und gibt Orientierung. Holz im Innenausbau und in der Möblierung bringt Wärme und ein naturnahes Gefühl. Gleichzeitig bleibt der Raum klar und aufgeräumt: Alle technischen Elemente sind vollständig in den Innenausbau integriert.
Durch den Baum in der Mitte wird dezent eine Verbindung zur Natur vor dem Fenster hergestellt, wo ebenfalls große Bäume stehen. Dies öffnet den Raum symbolisch nach außen und macht deutlich, dass es keine echten Grenzen für zukunftsorientiertes Lernen gibt.
Wer konzentriert arbeiten möchte, findet am langen Tisch an der Fensterseite einen ruhigen Ort. Die reduzierte Umgebung und der Blick ins Grüne ermöglichen Konzentration, Abstand und fördern Klarheit.
Hier zeigt sich, dass Inklusion ein fester Bestandteil des Raumkonzepts ist: Durch zurückgesetzte Tischbeine schafft die Konstruktion im Unterraum bewusst Platz. So können alle bequem sitzen – unabhängig von Körpergröße, Sitzposition und Mobilität.
„Bitte einsteigen. Vorhang zu. Und los geht’s.“ In den kleinen und gemütlichen Nischen entsteht für die Besucher und Besucherinnen das Gefühl, in einem ruhigen Zugabteil zu sitzen. Abgeschirmt vom Trubel und unterwegs im eigenen Tempo können sie in ihre Welt eintauchen und zur Ruhe kommen.
Inspiriert hat unsere Innenarchitektin eine Kindheitserinnerung an Fahrten im Schlafwagen: Gepäcknetze am „Wagenhimmel“, Stauraum für Schuhe und Rucksack unter der Liege, der Akustikvorhang geschlossen und der Raum öffnet sich für Ruhe, Konzentration und kreatives Denken. Dies ist besonders für neurodiverse Personen wertvoll, die bewusste Pausen benötigen.



Epische Geschichten entstehen am Lagerfeuer oder unter Bäumen. Dort, wo Menschen zusammensitzen, zuhören und Erlebnisse teilen.
Im Modellraum ist der Baum das zentrale Element. Er ist Mittelpunkt, schafft Orientierung und einen Ort für Begegnung. Auf den individuell gefertigten Bänken aus hellem Holz treffen sich Lernende zum Austausch, zum Ankommen und zum gemeinsamen Weiterdenken.
Im pädagogischen Konzept ist er als „Tree of Voices“ ein Ort, an dem man Stimmen und Geschichten aus der Zukunft lauschen kann, welche von den Menschen, die den Raum besucht und genutzt haben, eingesprochen werden.
Ruhe und Geborgenheit entstehen durch Material und Akustik. Holz-Akustikplatten formen den „Stamm“ und bringen Wärme in den Raum. In der „Krone“ reduzieren grüne Akustikflächen den Schall und unterstützen eine ruhige, angenehme Atmosphäre.
Ein Schritt zur Seite, ein anderer Blickwinkel, ein neues Gespräch. Die Kooperationsinsel lädt dazu ein, die Positionen zu wechseln. Die Tische lassen sich flexibel kombinieren, die bunten Sitzwürfel individuell zusammenstellen, die Flächen unterschiedlich nutzen.
Nach der gemeinsamen Session lassen sich die Sitzwürfel im dafür vorgesehenen Schrank schnell verstauen und die Fläche wird frei für die nächste Lernerfahrung.
Lernen gelingt am besten, wenn Ideen geteilt und weitergedacht werden. Die Ideenbühne bietet Raum für Präsentationen in vielen Formen – von kurzen Updates bis zu ausführlichen Ergebnissen. Ein Bildschirm unterstützt bei Bedarf dabei, aber auch magnetische Whiteboards oder physische Modelle finden ihren Platz auf der Ideenbühne.
Direkt angeschlossen an die Ideenbühne befindet sich eine zweistufige Empore und eine ausfahrbare Leinwand für den an der Decke angebrachten Beamer. Gegenüber der Ideenbühne befindet sich der Baum. So entsteht ein Bereich, der bewusst mit dem klassischen Frontalunterricht bricht. Neben kurzen Inputs schafft die offene Anordnung eine Gesprächssituation auf Augenhöhe, Perspektiven können von unterschiedlichen Orten ausgetauscht werden. Präsentieren fühlt sich dadurch weniger nach Vortrag an und mehr nach Co-Kreation.



Anstatt Technologie prominent im Raum zu verorten und den Eindruck zu vermitteln, Technologie bestimme das Lernen, setzen wir im Modellraum auf eine dezente Integration von Technik. Mit anderen Worten: die Technik ist da, aber sie unterstützt menschliche Beziehungen, statt sie zu ersetzen. So werden Technologien zu Partnerinnen bei der Entwicklung von Gestaltungskompetenzen, anstatt das Lernen zu bestimmen.
Die Lernenden können so die physische Welt mit digitalen und virtuellen Welten verbinden, in die sie nicht lediglich eintauchen, um sie zu konsumieren.
Vielmehr sind diese erweiterten Realitäten Gestaltungs- und Möglichkeitsräume, in denen Geschichte aus der Zukunft erzählt werden. Pädagogische Konzepte, die hier zum Tragen kommen sind unter anderem Game-based Learning und Extended Reality.
Technik wie mobile Endgeräte, Bildschirme und VR-Brillen sollen präsent sein, ohne den Raum zu überladen oder dominant zu wirken. Deshalb sind alle technischen Elemente harmonisch in den Innenausbau integriert – über farblich abgestimmte Anstriche, klare Ordnung und bewusst zurückgenommene, teils versteckte Installationen.
Eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Wasser gehören zum Lernen dazu – denn nur ein gesunder Körper kann kreativ sein. In der kleinen Küche können Snacks vorbereitet und Getränke aufgefüllt werden. Sie ist bewusst als Ort für kurze Unterbrechungen gedacht, an dem man sich sammelt und wieder Energie findet.
Auch hier steckt Bedeutung im Detail. Direkt über dem Wasserhahn steht das Wort „Quelle“. Eine leise Erinnerung daran, dass und die Welt um uns herum ständig in Bewegung ist.
Die Raumgestaltung für Inklusion und Diversität orientiert sich an den zentralen Empfehlungen der Studie „Wo Zukunft wächst“ und übersetzt sie in ein konkretes Beispiel. Sie macht sichtbar, wie die Zugänglichkeit für alle Menschen räumlich unterstützt werden kann, ohne den Anspruch zu erheben, jede denkbare Situation vollständig abzubilden. Wesentliche Elemente sind flexible Sitz-, Steh- und Bewegungselemente, die unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.
Vorhänge und geschützte Bereiche schaffen niedrigschwellige Möglichkeiten für Rückzug. Barrierefreie Zugänge und großzügige Bewegungsflächen sorgen dafür, dass alle den Raum selbstständig nutzen können. Da es sich um einen Raum für alle Personen handelt, gibt es bewusst keinen Bereich, in dem die Lernbegleitung sich aufhält, sondern die Grenzen zwischen Jung und Alt verschwimmen und auch unterstützendes Personal kann sich frei bewegen, damit Begleitung im Alltag selbstverständlich wird.